Hominine Expansionen

Miriam N. Haidle

Neben biologischen Merkmalen haben sich auch kognitive und soziale Besonderheiten im Laufe der menschlichen Evolution ausgebildet. Sie bilden die Grundlagen für die kulturelle Entwicklung der Menschen und prägen die große Anpassungsfähigkeit moderner Menschen.

Biologische Expansionen von Homininen

Im Laufe der menschlichen Evolution der letzten drei Millionen Jahre haben sich etliche Aspekte der menschlichen Biologie und mit ihnen die Handlungsspielräume der unterschiedlichen Menschenformen entscheidend verändert. Die Morphologie des Bewegungsapparats gibt Aufschluss über die Entwicklung des aufrechten Ganges und generalisierter Greifhände. Anhand der Morphologie der Zähne, Mikrogebrauchsspuren auf ihrer Oberfläche und Untersuchungen von Isotopen und Spurenelementen im Skelett lassen sich Hinweise auf verschiedene Ernährungsweisen gewinnen. Das Hirnvolumen hat stark zugenommen, wobei einzelne Areale wie Frontallappen, Parietallappen und sprachrelevante Areale besonders hervorzuheben sind. Die anatomischen Fähigkeiten zur Lautbildung und -wahrnehmung haben sich gewandelt. Sowohl die Kindheit und Jugend als auch die nachfruchtbare Phase sind bei modernen Menschen – mit starken sozialen Auswirkungen – deutlich verlängert. DNA-Untersuchungen an modernen Menschen und fossilen Skeletten werfen Licht auf eine deutlich erhöhte generelle Genaktivität im menschlichen Gehirn sowie einzelne Gene, die an der Regulierung der Hirngröße, der Entwicklung der Hirnrinde, der Pigmentierung von Haut und Haaren sowie der Produktion von Sprache beteiligt sind. Verschiedene biologische Aspekte werden in der Projektdatenbank aufgenommen, um die typischen Merkmalsmuster verschiedener Menschenformen zu identifizieren bzw. ihre zeitlich-räumliche Verbreitung zu verfolgen.

Kognitive Expansionen von Homininen

Die kognitive Entwicklung der Menschen lässt sich – jenseits der neuroanatomischen und genetischen Grundlagen – am besten an Artefakten nachvollziehen. Verschiedene heute lebende Tiere zeigen vielfältigen Gebrauch und Herstellung von Werkzeugen mit unterschiedlicher Flexibilität in diversen Verhaltenskontexten. Seit ca. 2,5 Millionen Jahren sind menschliche Artefakte fassbar, die sich aus Erhaltungsgründen hauptsächlich auf steinerne Rohmaterialien beschränken. Menschentypisch scheint die Erweiterung der Effektivkettezu sein: Werkzeuge werden nicht nur mit den zur Verfügung stehenden körperlichen Mitteln angefertigt, sondern können mit Hilfe von anderen Werkzeugen (und diese mit weiteren Werkzeugen usw.) hergestellt werden. Im Laufe der menschlichen Evolution haben sich die Zeittiefe der Problemwahrnehmung bzw. der Lösungshandlung deutlich erweitert. Die Flexibilität in der Anwendung von Problem-Lösung-Konzepten hat enorm zugenommen, und kleine Handlungs- bzw. Werkzeugseinheiten sind nicht mehr an eine bestimmte Bedürfnisbefriedigung geknüpft, sondern werden frei kombinierbar. Und der Aspekt der symbolischen Wahrnehmungs- und Ausdrucksfähigkeit wird bei modernen Menschen Allgemeingut. Im Rahmen von ROCEEH soll versucht werden, die Entwicklung dieser an Artefakten ablesbaren kognitiven Aspekte räumlich-zeitlich aufzuschlüsseln und mit Entwicklungen von Menschenformen und Werkzeugspektren zu verknüpfen.